Die Bibliothek Leopold Singer in der Dauerausstellung „Erdöl und Erdgas“ im TMW

Im Jahr 2015 restituierte die Wirtschaftsuniversität Wien insgesamt 620 Bücher aus dem ehemaligen Eigentum von Leopold Singer an die in Israel lebenden Erben der Familie Singer. Auf Wunsch der Familie sollte die Bibliothek, die überwiegend aus deutschsprachiger Fachliteratur besteht, an eine österreichische Institution übergeben werden. Da das Technische Museum Wien eine eigene Sammlung zum Thema Erdöl und Erdgas hat und seit November 2015 seine Bemühungen zur Provenienzforschung und Restitution durch die permanente Schau „Inventarnummer 1938“ einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert, trat die Wirtschaftsuniversität Wien und die Familie Singer an das Museum mit der Idee heran, die Bibliothek des Erdölfachmannes Leopold Singer im Museum auszustellen. Beide Institutionen und die Familie Singer einigten sich schnell und so kam es 2016 zur Übergabe der Fachbibliothek an das Technische Museum, das sie nun in der Dauerausstellung zeigt.

Die Dauerausstellung „Erdöl und Erdgas“

In der Neuaufstellung des Bereichs „Erdöl und Erdgas“ (Eröffnung Herbst 2014) konnten unterschiedlichste Aspekte der Petrochemie thematisiert werden. Ein wichtiger Themenkreis der Schausammlung beschäftigt sich mit dem Beginn der Erdölförderung in der Österreich-Ungarischen Monarchie ab der Mitte des 19. Jahrhunderts. Derzeit sind in der Schausammlung Personen, die im Bereich der Petrochemie gearbeitet und geforscht haben, mit ihren Biografien allerdings unterrepräsentiert. Jüdische Familienunternehmen hatten großen Einfluss auf den Aufbau der Erdölindustrie in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Familie Singer gehört dabei zu den Pionieren der Erdölexploration im Königreich Ungarn. Wilhelm Singer, Vater von Leopold Singer, war der erste der russisches Erdöl von Baku nach England exportierte und mithalf Triest zu einem führenden Ölumschlagplatz der damaligen Monarchie zu machen. Die Familie Singer steht exemplarisch für den Anteil jener jüdischen Familien am Aufbau der Erdölförderung und Erdölverarbeitung in der Österreich-Ungarischen Monarchie, die durch die Vertreibungs- und Ermordungspolitik der Nationalsozialisten in Österreich und Osteuropa in der NS-Zeit fast vollständig in Vergessenheit geraten ist.

Die Erdölfachmann Leopold Singer

Dr. Leopold Singer wurde am 31. Juli 1869 in Wien als ältester Sohn des Ehepaares Wilhelm und Rosalie Singer geboren. Er studierte zunächst zwei Jahre von 1887 bis 1889 an der Technischen Hochschule Wien, technische Chemie bevor er sich im Herbst 1889 an der ETH Zürich einschrieb. Schließlich promovierte er 1892 an der Universität Zürich mit einer Dissertation mit dem Titel „Beiträge zur Theorie der Petroleumbildung“.

Im Anschluss daran arbeitete er in der Raffinerie seines Vaters in Orșova im damaligen Königreich Ungarn. Ab 1903 war er in verschiedenen Ländern in leitender Position bei Erdölraffinerien tätig. Während des Ersten Weltkriegs fungierte er als Technischer Direktor der Mineralölwerke Rhenania AG in Düsseldorf, der Vorgängerin der heutigen Shell AG.

Neben seiner wirtschaftlichen Leitungsfunktion war er aber auch wissenschaftlich tätig. Von 1909 bis 1925 veröffentlichte er als ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift „Petroleum“ insgesamt 66 Artikel und trat auch als Herausgeber, Übersetzer und Verfasser zahlreicher Fachpublikationen zum Themenbereich Erdölgewinnung und –verarbeitung hervor.

Auf Grund seiner jüdischen Herkunft wurden Dr. Leopold Singer und seine Familie nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich verfolgt. Bis zum 2. November 1938 waren Leopold Singer, seine Frau Jenny und Sohn Otto (geb. 1904) in der Grillparzerstraße 7/3 im Ersten Wiener Gemeindebezirk gemeldet. Als letzte Meldeadresse findet sich die Pension Elite im in der Wipplingerstraße 32 in Wien 1. Von dort erfolgte die polizeiliche Abmeldung nach Rumänien. Über Rumänien flüchtete die Familie Singer nach Großbritannien, wo Leopold Singer am 10. Juni 1942 im 73. Lebensjahr in London verstarb.

Der Raub der Bibliothek von Leopold Singer

In seiner Vermögensanmeldung, die er nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich abgeben musste, gab er an, eine Fachbibliothek mit technischen Werken im Wert von RM 8000,- zu besitzen. Seine Bibliothek konnte Leopold Singer nicht in die Emigration mitnehmen. Offenbar wurde die Bibliothek beschlagnahmt und über das Dorotheum verkauft. Im März 1942 erwarb die Bibliothek der „Hochschule für Welthandel“ insgesamt 104 Bücherkisten im Wiener Dorotheum. Teil dieser Erwerbung dürften auch die Bücher aus der Bibliothek von Leopold Singer gewesen sein, da ab diesem Zeitpunkt seine Bücher im Katalog der Bibliothek der Hochschule aufgenommen wurden. Sein Sohn Otto Singer, der in den 1950er Jahren vergeblich nach den Beständen der Bibliothek seines Vaters suchte, beschrieb sie in einem Schreiben 1956 so: „Mein Vater besaß eine Fachbibliothek welche alles umfasste, was auf dem Gebiete Erdöls und verwandten Gebieten seit dem Jahre 1892 vorgefallen war. Diese Bibliothek meines Vaters war nahezu einmalig und mein Vater wurde aus den verschiedensten Ländern auch aus Amerika konsultiert.“

Die Bibliothek Singer stellt für das Technische Museum eine wertvolle Bereicherung seiner Bestände dar, da sie die Arbeitsbibliothek eines Erdölfachmannes der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts repräsentiert und damit auch den Wissenstand der Petrochemie und der Erdölwirtschaft im Zeitraum 1900 -1938 wiederspiegelt.

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